Die Beantwortung der Frage:  „Zu Hause hat mein Kind noch alles gekonnt! Warum dann die schlechten Leistungen in der Schule?“ benötigt als ersten Schritt die grundlegende Erkenntnis, dass auf Kinder im Schulunterricht evtl. mehr, bzw. anders geartete Energiefresser wirken, als beim Lernen zu Hause.

Diese Erkenntnis alleine erzeugt jedoch noch keine prinzipielle Verbesserung der Situation. Dazu ist der zweite Schritt notwendig, nämlich eine Verbesserungsstrategie zu entwickeln. Bei manchen Eltern besteht die Strategie, dass Kind zum Lernen zu bringen, größtenteils aus „Schimpfen, Nörgeln und Meckern“. Ich würde ja gerne guten Gewissens empfehlen dies nicht zu tun, doch an diesen Ratschlag halte ich mich ja selbst nicht immer. Hier einige Gedanken dazu:

  • Gelegentliches „Meckern“ ist in Ordnung und gehört, zumindest bei uns, zum Familienleben dazu. Eltern können ihren „kleinen“ Frust abbauen und haben wenigstens das Gefühl „etwas“ getan zu haben. Das Kind bekommt signalisiert: Das ist nicht immer in Ordnung, was oder wie ich etwas tue.
  • Permanentes und übermäßiges „Meckern und Nörgeln“ kann sich jedoch zu einem familiären Problem entwickeln, denn es zerstört Familienatmosphäre und belastet die Eltern-Kind-Beziehung. Wenn Kinder merken, dass jedes Gespräch in einer „Predigt“ von Mama oder Papa endet, werden sie sich evtl. zurückziehen. Auch werden sie weniger aus dem schulischen oder privaten Leben erzählen, damit keine Angriffsfläche entsteht. Und nicht selten endet die Meckerei mit dem Kind dann im Streit der Eltern, die verschiedener Meinung sind, sich gegenseitig Vorwürfe machen oder dem persönlichen Frust Luft machen müssen. Zumindest bei uns ist dann phasenweise auch etwas Hilflosigkeit und weniger Strategie zu spüren. Oder die Kinder ändern wiederum ihre eigene Strategie: Sie erzählen einfach was die Eltern hören wollen, ob es stimmt oder nicht.

Kinder bis Teenager können diese Prozesse nicht lenken. Merken die Eltern, dass die Familie leidet, dann ist es ihre Aufgabe die Entwicklung so zu steuern, dass wieder zu einem konstruktiven und planvollen Miteinander gefunden wird.

Wenn nötig, nehmen Sie als zunächst den Druck aus der Situation. Nehmen Sie den Druck vom Kind. Nehmen Sie den Druck von sich selbst. Es geht nicht um Leib und Leben sondern nur um Schule. Die ist zwar wichtig, doch auch da gilt, dass man „die Kirche im Dorf lassen sollte“.

Mit dieser Erkenntnis empfehle ich die Arbeit an der Beziehungsebene. Ohne Liebe, Zuwendung und Verständnis geht gar nichts. Unternehmen Sie etwas mit Ihren Kindern, auch wenn es nur der tägliche Einkauf ist. Kommen Sie ins Gespräch mit Ihren Kindern und lachen Sie mit ihnen. Setzen Sie sich abends gemeinsam auf das Sofa und schauen Sie gemeinsam fern, auch wenn dabei wenig gesprochen wird. Essen Sie gemeinsam mit ihren Kindern und stellen Sie Fragen. Und vor allem: Hören sie zu.

Wir haben die Stundenpläne unserer Kinder bei uns am Kühlschrank hängen und zu Beginn der Schulzeit habe ich immer den Tages-Stundenplan „entlang gefragt“: "Wie war Mathe? Kommst du mit? Wie war Kunst? Macht dir das Zeichnen Spaß? Was war in Sport los?" usw. Inzwischen fangen meine Kinder ganz von alleine an zu erzählen: „In Mathe machen wir jetzt Bruchrechnung - voll zum Kotzen.“ „In Kunst zeichnen wir gerade mit Kohlestiften - das macht Spaß.“ „In Sport ist Eugen hingefallen und hat sich den Arm verdreht.“ ... usw.

Und was mache ich? Ich höre zu. Ich stelle nur „Verständnisfragen“ und lasse meine Kinder reden. Dabei verkneife ich mir alle Belehrungen oder Kommentare, auch wenn es mir oft schwer fällt. Wenn mich etwas tiefer interessiert, dann suche/n ich/wir später am Tag in einer ruhigen Minute das Gespräch. Dabei ist es unseren Kindern auch wichtig, dass wir von uns selbst erzählen. Das verbindet, schafft Nähe und fördert gegenseitiges Verständnis.

Die Arbeit an den evtl. Schulproblemen der Kinder ist für Eltern zu Beginn, vielleicht vor allem, eine Arbeit an sich selbst. An den eigenen Sichtweisen und Einstellungen, der eigenen Erwartungshaltung. In diesem Zusammenhang muss auch die „Komfortzone des Erwachsenseins“ verlassen werden. Ich hätte als junger Mann niemals geglaubt, wie wichtig es ist, die Vorbildfunktion gegenüber seinen Kindern gewissenhaft wahrzunehmen. Und dabei geht es nicht darum fehlerfrei zu sein. Es geht nur darum, jeden Tag aufrichtig sein Bestes zu geben.

Mit dieser Einstellung kann man zu Schritt 3 übergehen: Entwickeln Sie für Ihre Familiensituation eine Verbesserungsstrategie, die für Ihr Kind die richtigen Maßnahmen enthält. Da diese individuell sehr verschieden sein können, finden Sie im Folgenden einige Gedanken dazu:

  • Überlegen Sie, welche „Energiefresser“ relativ schnell, möglichst unaufwändig und einigermaßen erfolgreich geändert werden könnten. Verschwenden Sie keine Kraft an „Energiefresser“, die nur schwer oder gar nicht änderbar sind.
  • Setzen Sie sich erreichbare Ziele. Mir hilft es, diese aufzuschreiben.
  • Nehmen Sie sich Zeit zum Erreichen der Ziele und seien Sie im Zeitplan nicht zu streng mit sich selbst.
  • Es gilt eine kleine Faustregel: So viele Wochen, Monate oder Jahre, die der Missstand vorhanden ist, so viele Wochen, Monate oder Jahre wird man benötigen, um diesen zu beseitigen.
  • Machen Sie sich die kleinen Fortschritte bewusst und freuen sie sich über diese.
  • Sprechen sie das große und das kleine Lob tatsächlich aus.
  • Denken Sie daran: Es muss nicht super werden, es soll nur besser werden. Manchmal kann schon Schadensbegrenzung ein Ziel sein.

 

Erkennen von Bauernschläue

 

Als Klassenlehrer der 3. Klasse höre ich von Eltern immer wieder die Aussage: „In der 1. und 2. Klasse lief doch alles super. Warum jetzt dann der Leistungseinbruch?“ Die Wahrheit ist: Es lief nie wirklich super! Die Fehlentwicklung wurde bisher nur nicht offensichtlich. Die Eltern fühlten diese evtl. schon nahen, konnten oder wollten sie aber aus verschiedenen Gründen gar nicht sehen. Zum Verständnis dieses Sachverhalts muss man eine scharfe Trennlinie ziehen zwischen dem „Mix aus Begabung, Intelligenz, Willigkeit, Pflichtbewusstsein“ ... und ... „intelligenter Bauernschläue/Alltagsintelligenz“.

Der normal begabte, willige und einigermaßen pflichtbewusste Schüler wird seine Arbeit machen, den Unterrichtsstoff weitgehend verstehen und hat damit den entsprechenden Schulerfolg. Die Eltern nehmen war:

  • Der Schüler kommt scheinbar in der Schule mit. (Und das tut er auch.)
  • Die Eltern glauben dem Schüler, wenn er sagt, dass er alles versteht.
  • Die Hefteinträge sind meist vollständig und ordentlich genug.
  • Die ersten kleinen Tests oder Noten sind in Ordnung.
  • Die Lehrer klagen in der Regel nicht über mangelndes Verständnis, fehlende Hausaufgaben oder schlechtes Verhalten des Schülers.
  • Nichts deutet auf ein Problem hin. Alles läuft O.K. bis super. Die Eltern freuen sich.

Das glauben auch die Eltern der „bauernschlauen Strategen“ wahrzunehmen. Im Verborgenen laufen jedoch ganz andere Prozesse ab:

  • Der Schüler kommt scheinbar in der Schule mit, aber ...... das tut er nicht wirklich. Die Stoffmenge in der 1. und 2. Klasse ist noch begrenzt und der Schüler schafft es, sein „Nichtverstehen“ durch entwickelte „Hilfssysteme“ zumindest in der Anfangszeit noch zu überdecken (siehe Folgendes). Ab der 3. Klasse brechen diese Hilfssysteme langsam weg und die Wissenslücken werden offensichtlich.
  • Die Eltern glauben dem Schüler, wenn er sagt, dass er alles versteht, oder ...... sie „wollen“ es glauben. Meine Tochter erzählte mir auch damals, sie hätte keine Probleme mit der Bruchrechnung. Und obgleich ich spürte, dass es da wohl doch Schwierigkeiten gab, „wollte“ ich ihr glauben. Dann musste ich nämlich schon nicht aktiv werden. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt auch nicht die Kraft dazu. Beruflicher Stress, knappe Haushaltskasse um den Nachhilfelehrer zu bezahlen, drohender Streit mit der Frau wenn ich darauf „rumhacken“ würde usw. Also „glaubte“ ich es ihr lieber und lies die Dinge ihre Wege gehen. (Die Bruchrechnung ist für sie heute noch ein Mysterium.)
  • Die Hefteinträge sind meist vollständig und schön genug, aber ...... gerade bei Jungs drückt man bei der Schönheit und Sauberkeit gerne mal ein Auge zu. Und die Vollständigkeit der Hefteinträge zu überprüfen ist für Eltern eine richtige „Sisyphos-Aufgabe“.
  • Die ersten kleinen Tests oder Noten sind in Ordnung, aber ...... in der 1. Klasse werden gar keine "harten" Noten gegeben und in der 2. Klasse erst im 2. Halbjahr. Insgesamt ist die Notengebung in den ersten beiden Klassenstufen häufig eher von pädagogischer Natur und soll oft der Motivation der Schüler dienen. D.h. die Notenskala von 1 – 6 wird gar nicht ausgenutzt. Die Tests sind vielmehr so angelegt und vorgeübt, dass selten ein Kind schlechter als eine 3 bekommt. Und mit einer 3 kann man ja noch gut leben. (Der Schnitt der Arbeit war aber eine 1,4 und die schlechteste Note eine 3-  !?!)
  • Die Lehrer klagen nicht über mangelndes Verständnis, schlechtes Verhalten oder fehlende Hausaufgaben ...... was aber nicht prinzipiell bedeuten muss, dass es nicht so ist. Manchmal lassen auch Lehrer die Dinge laufen, die zumindest im Moment noch kein größeres Problem darstellen.
  • Nichts deutet auf ein Problem hin, alles läuft super, die Eltern freuen sich, ... doch ... irgendwo in sich fühlen die Eltern doch, dass da etwas „im Busch“ ist.

Und es ist etwas im Busch, nämlich, das Kind arbeitet mit „Hilfssystemen“.

Es kann verschiedene Gründe dafür geben, dass ein Kind schon in der 1. Klasse beginnt, sich „Hilfssysteme“ aufzubauen. z.B. Faulheit, Bequemlichkeit, Trotz, Arroganz, Unsicherheit, Konzentrations-, Ohren-, Augenprobleme, oder auch sprachliche Barrieren. Es versteht den Unterrichtsstoff kaum und weiß selten, was der Lehrer von einem will. Durch seine „bauernschlaue Alltagsintelligenz“ schafft es das Kind aber, sich durch alle Situationen des Schullebens „durchzumogeln“.

 

Hier die gängigsten Hilfssysteme:

 

„Abschreiben“

Es gibt Schüler, die schreiben ALLES von ihrem Nachbarn ab. Tafelanschriebe, Tests, Klassenarbeiten, Hausaufgaben, Aufsätze, Texte in der Gruppenarbeit und den Namen auf dem Heft. Sie erreichen in dieser Kunst eine zum Teil nicht für möglich gehaltene Meisterschaft. Natürlich habe ich als Kind auch abgeschrieben. Dann war es jedoch eine Notlösung oder Faulheit, aber keine „prinzipielle Überlebensstrategie“. Es geht z.T. so weit, dass das Kind gar nicht mehr zur Tafel schaut, sondern gleich vom Nachbarn abschreibt. Inklusive aller Fehler. Der Lehrer als Informationsquelle verliert seine Wichtigkeit. Vielleicht ist mit Glück auch alles abgeschrieben, doch das Problem ist, dass der Lehrer ja auch immer wieder erklärt und der Schüler genau in diesen Erläuterungsphasen mit dem Abschreiben beschäftigt ist. So bekommt er weniger mit, versteht es nicht richtig und beschränkt sich wiederum nur auf das Abschreiben. Ein Teufelskreis.

 

„Hilfslehrer“

Es ist schön, wenn Eltern dem Kind zu Hause etwas erklären, das es in der Schule nicht ganz verstanden hat. Diese „Sicherheit“ kann Schüler aber auch bequem machen. So wusste mein Sohn genau: Wenn ich in der Schule etwas nicht verstehe, erklärt es mir meine Mama zu Hause. Mit der Zeit versuchte er dann gar nicht mehr der Lehrerin zu folgen. Er sagte einfach zu Hause welches Thema gerade behandelt wurde ... und Mama erklärte es. Und wenn er dann zu Hause keine Lust zum aktiven Zuhören hatte, wusste er: Mama erklärt es auch ein zweites Mal. Oder auch ein drittes oder viertes Mal. Und wenn Mama als Hilfslehrerin gerade nicht zur Hand war und später seine Lieblingssendung im Fernseher lief, wurde auf die Erklärung gleich ganz verzichtet.

 

„Energie - ziehen“

Schüler fragen oft, was sie tun sollen. Daran ist ja erst einmal nichts auszusetzen. Ein Problem kann aber sein, dass sie zu schnell fragen.

Das Arbeitsblatt mit den den genauen Anweisungen hat den Tisch noch nicht berührt, der Aufgabenstellung wurde nicht zugehört, die Buchseite ist noch nicht gefunden ... es wird sofort gefragt: „Was soll ich da machen?“ Und dies ohne vorher überhaupt den Versuch unternommen zu haben, eigenständig die Lösung zu finden. Sie lassen sich durch eine Aufgabe schieben, ohne selbst Energie aufbringen zu wollen. Nachdem der Lehrer alles ausführlich an der Tafel erklärt hat, hört sich die Stellung von ähnlichen Mathematik-Textaufgaben dann so an:

 

·     Lehrer:   "Die Aufgaben findet ihr im Buch S.84 Nr. 7 bis 11!"

o    Schüler:     Nach 1,2 Sekunden: "Was soll ich da jetzt machen?"

·     Lehrer:   "Jetzt schlage erst einmal das Buch auf und lese die erste Aufgabe genau durch!"

o    Schüler:     Nachdem er 2-3 Sekunden die Buchseitemit leerem Blick angestarrt hat: "Ich habe es gelesen, was soll ich jetzt machen?"

·     Lehrer:   "Hast du es gelesen? Was steht denn dort? Wie lautet die Frage?"

o    Schüler:    ???

·     Lehrer:   "Lies die Aufgabe bitte noch einmal langsam durch! Versuche sie zu verstehen und die Frage zu finden!"

o    Schüler:    Nach 20 Sekunden: "Ich hab es nochmal gelesen. Ich verstehe das nicht."

·     Lehrer:   Erklärt dem Schüler die Aufgabe ganz genau.

o    Schüler:     Hört zu, versucht sich isolierte Einzelheiten zu merken und beschränkt sich auf die mechanische Übertragung des Gehörten ins Heft.

·     Lehrer:   "O.K. Jetzt versuchst du die nächste Aufgabe selbst zu lösen."

o    Schüler:    Nach 2-3 Sekunden: "Was soll ich da machen?" ...

 

„Durchmogeln“

Im Fach Mathematik wird in der 1. Klasse der Zahlenraum von 0 – 20 erarbeitet. Es passiert eben manchmal, dass dieser von einem Schüler gar nicht richtig durchdrungen wird. Ergebnisse einfacher Rechenaufgaben hat er nur „auswendig“ gelernt oder gut geraten. Das Fingerrechnen zu Beginn ist ja auch nicht schlimm, wenn dieses, zum gegebenen Zeitpunkt, durch planvolles Rechnen mit entsprechenden Rechenstrategien ersetzt wird. Wenn dieser Prozess aber nicht einsetzt, rechnet der Schüler weiterhin nur mit den Fingern, lernt auswendig oder ratet. Diese mathematischen „Hilfssysteme“ funktionieren leidlich bis zum Ende der 1. Klasse. In der 2. Klasse wird dann der Zahlenraum langsam bis Hundert erweitert. Da brechen die „selbst gestrickten Hilfssysteme“ langsam ein. In Klasse 3 wird dann offensichtlich, dass der Zehnerübergang und wichtige Rechenstrategien nie wirklich erfasst wurden.

 

„Simultan - antworten“

Einige Schüler sind Meister im Aufschnappen von „Antwortfragmenten“. Stellt der Lehrer diesem Schüler eine Frage, so ist es doch häufig so, dass irgendwo von anderen Mitschülern die Antwort leise geflüstert wird. Der Schüler hört dies ganz oder bruchstückhaft und „bastelt“ daraus seine eigene Antwort. Dies passiert nahezu zeitgleich mit dem Vorflüsterer und der Schüler lässt es so erscheinen, als hätte das vom anderen Schüler Gesagte nichts mit seiner eigenen Antwort zu tun.

 

„Antworten - nachschieben“

Ist ein Schüler lange genug mit einem Lehrer oder Mitschülern zusammen, kennt er auch deren nonverbales Verhalten. Er weiß genau wie diese schauen oder reagieren, wenn eine Antwort richtig bzw. falsch war. Antwortet ein Schüler auf die Frage 3 + 4 mit „6“, kann er blitzschnell aus den Gesichtern des Lehrers oder seines Umfeldes deuten, dass diese Antwort falsch war. Er schiebt gleich noch weitere Ergebnisse nach. Die „7“ und notfalls noch die „8“. Dabei tut er so, als ob die erste Antwort ein Versehen gewesen wäre und er sowieso die „7“ gemeint hätte. Der Lehrer kann nun für sich entscheiden, ob das Ergebnis gerechnet oder geraten wurde.

 

„Blenden“

Es gibt durchaus sprachbegabte Schüler, die schon in jungen Jahren sehr redegewandt sind. Besonders Kinder die sehr oft mit älteren Personen zusammen sind gebrauchen gehobene Ausdrücke beim Sprechen, die man bei einem Kind nicht erwarten würde. Das kann sich positiv entwickeln, wenn zur sprachlichen Gewandtheit auch noch Fachwissen und etwas Bescheidenheit dazu kommt. Leider gibt es aber auch den Schüler, der zwar nicht viel weiß, dies aber mit seiner Sprachgewandtheit und aufgesetzter guter Laune überspielen will. Dies gelingt ihm sogar bei dem ein oder anderen Elternteil oder Lehrer. Diese lassen sich evtl. durch antrainierte leeren Worthülsen, einem grammatikalisch richtigen Redeschwall, verbunden mit einem jovialen Lächeln blenden. Am Schluss reden sich mancher ein, dieses „altkluge Gerede“ wäre ein Zeichen für Intelligenz. Letztendlich ist es aber nur „heiße Luft“.

 

 

Hier wurden zum besseren Verständnis von schulischen Abläufen Klischee-Typen vorgestellt. Es ist mir jedoch wichtig festzustellen, dass kein Schüler in eine „Schublade“ gesteckt werden kann und darf. Jedes Kind ist ein liebenswertes Individuum, welches versucht seinen Weg zu gehen. Mit den Mitteln die es zur Verfügung hat und unter den persönlichen Lebensumständen. Es ist die elterliche Pflicht, das Kind auf dem Weg durch die Schulzeit zu begleiten und, wenn nötig, die entsprechende Hilfestellung zu leisten. Dies bedeutet auch, gegebenenfalls regulierend einzugreifen. Mit Übersicht, liebevoller Konsequenz und mit Durchhaltevermögen müssen Eltern dort gegen „scheinintelligentes Handeln“ des Kindes angehen, wo es sich auf lange Sicht hin als kontraproduktiv auswirken würde. Dies gilt auch für die sehr beliebten „Vermeidungsstrategien“.

 

Erkennen von Vermeidungsstrategien

 

Zwei von meinen drei Kindern haben sich während der Grundschulzeit auf gar keinen Fall freiwillig am Nachmittag hingesetzt um die Hausaufgaben zu erledigen. Und schon gar nicht mit Freude. Es gab zwar selten offene Rebellion, aber kampflos haben sie sich nicht ergeben. Ihre „Partisanenstrategie“ war dann die gekonnte Anwendung subversiver Vermeidungstechniken, sobald die Aufforderung ergangen war, sich an die Hausaufgaben zu setzen. Aufgrund des individuellen Erfindungsreichtums der Kinder ist eine vollständige Auflistung der „Vermeidungsstrategien“ nicht möglich. Deshalb beschränke ich mich auf die meines Sohnes während seiner Grundschulzeit. Ich bin mir sicher, dass viele Eltern einige dieser Situationen wiederkennen könnten:

  •  „Der Gang aufs Klo“: Sobald mein Sohn am Nachmittag das Wort „Hausaufgaben“ hörte, war er erst einmal auf dem Klo verschwunden. Da saß er dann, bis ihm fast die Beine eingeschlafen sind.
  • Mit dem Hund spielen“: Vom Klo aus ging es möglichst unentdeckt zum Hund, welchen er den ganzen Tag nicht gesehen hatte. Dieser Trennungsschmerz musste erst durch intensives und ausdauerndes Spielen überwunden werden.
  • Kuscheln“: War er dann im Zimmer, überkam ihn die Müdigkeit. Er legte sich aufs Bett und wollte erst einmal mit Mama kuscheln. Welche Mama, die zudem selbst noch die Nachmittagsmüdigkeit überkommen hatte, konnte/kann da „nein“ sagen. Meine Frau nicht. Ich auch nicht.
  • Die Spielverzögerung“: Saß er endlich am Tisch und sollte sein Zeug richten, dauerte das ewig. Da entwickelte er dann für einen ganz kurzen Moment so etwas wie Ordnungsliebe und musste erst einmal im Mäppchen alles der Größe nach sortieren oder die gesamten Bleistifte des Mäppchens spitzen.
  • Von den Aufgaben ablenken“: War der Anfang geschafft, dann war so ziemlich jedes Geräusch willkommen, um ein ausführliches Gespräch zu starten: Hat der Hund gebellt? Vielleicht braucht er Wasser? ... Wer war das am Telefon? Was wollte er? ... Hat es gedonnert? Komm, wir schauen ob es blitzt! ...
  • Rollenspiele“: Natürlich saß meine Frau nicht 100% der Hausaufgabenzeit neben meinem Sohn. Schließlich sollte er ja selbstständig arbeiten. Es waren also nur 98%. Bewegte sich meine Frau jedoch aus dem Zimmer, waren ziemlich schnell einige  Playmobil-Star-Wars-Figuren auf dem Tisch und der Laserschwertkampf auf dem Todesstern musste nochmals detailliert nachgespielt werden.
  • Freiwilligkeit !?!“: Erstaunlicherweise hören die Schüler dem Lehrer dann doch gelegentlich zu. Nämlich genau dann, wenn er solche Ausdrücke verwendet wie: "Ihr dürft noch einige Aufgaben im Übungsheft machen ... Wer möchte, kann noch einige Aufgaben im Übungsheft machen ... Wer Lust hat kann noch einige Aufgaben im Übungsheft machen ... Wer will kann freiwillig noch einige Aufgaben im Übungsheft machen. Mein Sohn hatte weder Lust noch wollte er zusätzlich etwas machen. Waren die Aufgaben nicht verbindlich aufgegeben, dann wurden diese auch nicht angefertigt.
  • Zähneputzen“: Wenn ich meinem Sohn abends den Fernseher ausschaltete und ihm sagte er solle noch 15 Minuten lesen, ging er natürlich brav Richtung Kinderzimmer. Außerhalb meiner Sicht bog er aber doch Richtung Bad ab. Natürlich hätte er sich am liebsten wieder aufs Klo gesetzt, doch da war er ja schon am Nachmittag ausführlich gewesen. Trotzdem verweilte er im Bad und wenn ich dann rief, kam die Antwort: „Ich putze Zähne.“ Aber welches Kind putzt schon freiwillig die Zähne? Und das 25 Minuten lang? Oft hatte ich keine Energie mehr und lies es dann laufen. Dann ging es an diesem Abend halt ohne Lesen ins Bett.

Diese Vermeidungsstrategien haben einen kindlichen Charme, kosten dem Kind und der gesamten Familie aber Zeit. Manchmal sehr viel Zeit. Es wäre aus meiner Sicht jedoch falsch, Vermeidungsstrategien prinzipiell zu „bekämpfen“. Bevor ein Aktionsplan gegen diese von den Eltern entwickelt und umgesetzt wird, sollte nachgedacht werden. Hier einige mögliche Gedankengänge:

  • Unser Kind hat nur wenige oder gar keine Vermeidungsstrategien ... Glück gehabt.
  • Wir kennen die Vermeidungsstrategien unseres Kindes und nehmen diese „liebevoll“ zur Kenntnis. Sie bewegen sich in einem Rahmen den wir tolerieren können. Alles läuft so, dass wir damit zufrieden sind ... Es besteht kein Handlungsbedarf.
  • Wir kennen die Vermeidungsstrategien unseres Kindes. Es ist manchmal schwierig. Wir nehmen uns aber die Zeit und arbeiten uns durch ... Auch O.K.
  • Wir kennen die Vermeidungsstrategien unseres Kindes. Sie kosten viel Zeit und Energie. Man ist oft am meckern. Manchmal gibt es auch verschiedene Meinungen und Streit unter den Eltern ... Es besteht Handlungsbedarf.
  • Unser Kind verweigert sich permanent. Die familiäre Situation und die schulischen Leistungen leiden sehr ... Es besteht dringender Handlungsbedarf.

 

Über den Sinn von Ordnung und Struktur

 

Die „Deutsche Ordnungsliebe“ oder die „Deutsche Gehorsamkeit“ sind Klischees, die den Deutschen im Übermaß, und manchmal mit wenig Liebe angedichtet werden. Etwas wahres ist aber schon drann. Auf der einen Seite der Waagschale sind diese doch dann deutlich in unserer Gesellschaft zu spüren. Im geordneten Straßenverkehr, auf der bürokratischen Behörde, im Kleingartenverein, im Berufsleben, im Musik-,  Sport- und Kleintierzuchtverein usw. Vieles ist strukturiert und ,zugegeben, manchmal vielleicht etwas überreguliert. Dies könnte als negative Seite der Waagschale gesehen werden.

Ich persönlich lege aber auch immer die vielen positiven Seiten von Ordnung und Struktur auf die andere Seite der Waage. Ordnung und Struktur vermitteln vielen Bürgern ein allgemeines Sicherheitsgefühl, schafft Planungssicherheit und verhindert Willkür im großen Umfang. Und das Wichtigste von allem: Ordnung und Struktur ersparen der Gesellschaft und dem Individuum, im Großen wie im Kleinen, viel Zeit und Energie.

Im Großen ist diese freie Zeit und ihre sinnvolle Nutzung der Luxus unserer deutschen Gesellschaft und hilft uns, uns friedlich weiterzuentwickeln. Wir haben Zeit, um diese mit unseren Familien verbringen zu können. Um Hobbys nachgehen und uns in Vereinen zu engagieren. Zeit zum Reisen Zeit für uns selbst. Wir haben die Energie, uns um unser Bildungssystem zu kümmern, in Sachen Umweltschutz und alternative Energien Vorreiter zu sein und um Demokratie zu leben.

Im Kleinen und auf das Lernen des Schülers zu Hause oder in der Schule bezogen, bedeuten Struktur und Ordnung aber genauso Planungssicherheit, Zeitgewinn und die Einsparung von wertvoller Energie.

  • Im strukturierten Schulunterricht hat der Schüler seinen „roten Faden“ der ihm Sicherheit beim Lernen gibt.
  • Der Schüler weiß, was von ihm in der nächsten Klassenarbeit erwartet wird. Er kann somit sein Lernen zu Hause gemeinsam mit den Eltern „planen“. Er weiß, dass er Zeit für Freunde und Hobbys haben wird.
  • Der Schüler weiß auch, dass das Lernen kein endloser Kaugummi-Prozess ist, sondern zeitlich begrenzt und somit überschaubar ist. Mit diesem Hintergrundwissen lassen sich Schüler bereitwilliger auf die schulischen Aufgaben ein.
  • Reibungsverluste, wie jeden Tag von neuem planen zu müssen, oder jedes Mal mit dem Kind neu über den Beginn der Hausaufgaben zu streiten, lassen sich minimieren.

 

Das wahre Geheimnis von Struktur und Ordnung ist nämlich, dass das Eliminieren von überflüssigen, unnötigen oder zu vielen „Wahlmöglichkeiten“ absolut befreiend und entlastend wirkt.

 

 

Gehen Sie ins Gespräch

 

Ich tue mich im Zusammenhang mit Schülern gelegentlich etwas schwer mit dem Ratschlag: „Lassen Sie sich beraten!“ Bei diesen Worten schwingt atmosphärisch mit: „Das Kind hat ein Problem.“ Das kann wahr sein, muss aber nicht. Und überhaupt ... viele Kinder haben kein Problem, sondern eben nur keinen Schulerfolg. Und dies wiederum wird von den Personen des Umfeldes als problematisch empfunden.

Nicht darüber zu sprechen ist dann die definitiv schlechteste Variante. Gehen Sie also ins Gespräch! Trennen Sie dabei aber scharf. Es gibt drei wichtige und drei andere wichtige  Gesprächsparteien. Zuerst die drei wichtigen Gesprächsparteien: Kind / Ehepartner / Lehrer.

  • Bleiben Sie mit Ihrem Kind im täglichen Gespräch. Mal mehr, mal weniger. Stellen Sie bedachte Fragen über das Lernen in der Schule und hören Sie zu. Beobachten Sie zudem das Lernen Ihres Kindes zu Hause und installieren Sie hilfreiche Strategien.
  • Diese Strategien müssen unter den Ehepartnern abgesprochen sein. Besonders wenn diese getrennt leben. Achten Sie darauf, dass nicht jedes Gespräch im Streit endet. Wenn nötig, suchen Sie den „kleinsten gemeinsamen Nenner.“
  • Für die Verbesserungsstrategien benötigen Sie weiterhin Informationen, wie das Lernverhalten des Schülers im Unterricht ist. Gehen Sie in die Gespräche mit den Lehrern des Kindes. Bereiten Sie sich auf die Gespräche vor. Wenn Sie bestimmte Informationen über das Verhalten des Kindes in der Schule erhalten wollen, müssen Sie auch gezielt danach fragen. Ansonsten endet ihr Gespräch schnell bei den allgemein gängigen Aussagen des Lehrers: „Ihr Kind könnte, wenn es wollte“, oder: „Er muss sich halt mehr konzentrieren“, oder: „Er macht halt zu viele Leichtsinnsfehler.“ Überfrachten Sie jedoch ein einzelnes Eltern-Lehrer-Gespräch nicht mit zu vielen gezielten Fragen, sonst fühlt sich der Lehrer evtl. in die Ecke gedrängt. Strategisch ist es sinnvoll, bewusst bei verschiedenen Lehrern auch verschiedene Fragen zu stellen. Pro Halbjahr ein Gespräch mit dem Klassenlehrer kann dabei als Faustregel gelten. Nutzen Sie dazu die Elternsprechtage und die Sprechstunden der Lehrer. Und ob Sie nun den Lehrer gut leiden können oder nicht, ob es weh tut was der Lehrer sagt oder nicht, hören Sie genau zu. Beziehen Sie die Gesprächsergebnisse in Ihre Überlegungen mit ein.

Die anderen drei Gesprächsparteien können sehr hilfreich sein, es besteht aber auch die Möglichkeit, dass diese Gespräche auch "kontraproduktiv" sein könnten: Großfamilie / Freundeskreis / Eltern der Klassengemeinschaft

  • Wenn sich die „Großfamilie“ trifft: Omas, Opas, Brüder und Schwestern mit ihren eigenen Familien, dann wird nicht ganz offen, aber zumindest offener über Schulprobleme der Kinder gesprochen. Das kann, wenn sich die Familie gut versteht, entlastend wirken. Es kann aber auch zu belastenden Situationen kommen, wenn: Oma und Opa geben Tipps, die man echt nicht gebrauchen kann ... oder die Geschwister haben selbst Kinder, die in der Schule nur beste Noten bringen. Und das natürlich, ohne dass sie als Eltern jemals etwas dafür getan hätten. Die seit dem vierten Lebensjahr Geigenunterricht erhalten, nur die Sesamstraße schauen dürfen und im Kinderturnen Leistungsträger sind. Sie bekommen sofort einen inneren Schreikrampf, wenn diese Eltern ihre eigenen Kinder mal wieder selbst beweihräuchern.
  • Nach dem Ehepartner ist es wohl der engste Freundeskreis, mit dem man offen über Probleme sprechen kann. Dies ist für die Psyche der Eltern wichtig, doch auch hier lauern Gefahren. Oft haben Freunde Kinder im gleichen Alter. Auch hier vergleicht man seine eigenen Kinder dann evtl. mit den „Superkindern“ der Freunde, die sich schon in der Krabbelgruppe zuerst auf den Bauch drehen konnten. Die den lautesten „Bauern“ rülpsen und als erstes das Wort "Mama" grammatikalisch fehlerfrei kreischen konnten. Das tut gelegentlich weh, ist nicht immer hilfreich und die Ratschläge der Freunde müssen eben nicht auf das eigene Kind passen.
  • In der rauen Schulwildnis gibt es ein paar unumstößliche Naturgesetze. Die Nummer 2 unter diesen Gesetzen lautet: Es gibt in der Regel keine „selbstlose“ Mitarbeit der Eltern in der Schule. Jede Handlung oder Nichthandlung eines Elternteils hat irgendwo den Hintergedanken: „Was bringt es für mein Kind?“ oder, „Könnte das meinem Kind schaden?“ Das ist bei meiner Frau und mir nicht wesentlich anders. Eltern einer Klassengemeinschaft bilden nur soweit und solange „Allianzen“, wie es den Interessen des eigenen Kindes dient. Dies gilt auch für die Elterngespräche vor dem Schulgebäude oder in den WhatsApp-Gruppen.

Gehen Sie bewusst mit allen Gesprächen um, finden Sie Ihre Mitte und nehmen Sie Hilfreiches an. Weniger hilfreiche Ratschläge und Äußerungen hören Sie höflich an und lächeln. Dann sagen Sie, dass Sie darüber nachdenken würden und ignorieren sie.